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Bundeswehr und Evakuierung von Staatsbürgern: Kabul in neuem Licht!

Helikopterüberflug,kasaan media, 2021

Nun ist es soweit. Das Abwarten hat keinen Zweck mehr. Die Taliban stehen in Kabul und die Realität überholt die Bürokratie. Zigtausende Menschen belagern den Flughafen Kabul, die US-Truppen sichern ihn und die Bundeswehr schickt ein Transportflugzeug zur Rettung deutscher Staatsbürger und vielleicht auch von einer Handvoll afghanischer Mitarbeiter, die man nun über Monate im Stich gelassen hat. – Wenn das der Plan war das Problem zu lösen, dann ist das als gelungen anzusehen.



Immerhin ist das nicht mehr der erste Evak-Einsatz der Bundeswehr. Der erste war die „Operation Libelle“ (HIER) am 14.März 1997. Damals wurden aus Tirana deutsche Staatsbürger ausgeflogen.


Es gab keine Spezialkräfte dafür. Nur das deutsche Einsatzkontingent SFOR in Sarajevo mit seinem gepanzerten Einsatzverband. Der wurde über Nacht mal eben aktiviert und flog dann mit sechs CH-53 Transporthubschraubern und vierzig Mann zusammengewürfelter Infanterie aus allen Zügen des Verbandes als Sicherungstruppe nach Albanien zur Einweisung…

Dort wartete dann ein Botschaftsangehöriger und der Chef des Stabes des deutschen Einsatzkontingentes SFOR, Oberst Glawatz (HIER), konzipierte die Aktion mit Hilfe der mitgebrachten Stadtkarte für Touristen von Tirana.

Der Coup gelang, wenn auch mit unschönen Bildern einer „Schießerei“. Albanische Geheimdienstkräfte versuchten die Menge von den Hubschraubern fernzuhalten und feuerte aus einem gepanzerten Transporter heraus in die Luft.
Die Aktion war nett gedacht, aber nicht abgesprochen, sodass die deutschen Sicherungskräfte auf die vermeidliche Bedrohung feuerten. Bevor die Panzerfaust zum Einsatz kam klärten sich die Umstände.
Ich weiß das deshalb so genau, weil diese handelnde Sicherungsgruppe die aus meinem Zug war, mit dem ich in Bosnien im Einsatz war.
Der Einsatz gelang. Es gab keine Verluste und die Rückkehr der Truppe wurde im Feldlager gefeiert. Zwei Tage lang, wenn man ehrlich ist.

Kleine Episode am Rande: Am Morgen danach tauchte im Unterkunftscontainer der Versorgungsoffizier auf und wollte von meinem Hauptfeldwebel eine Unterschrift für die Munitionsverbrauchsmeldung. Ich schmiss ihn raus und sagte ihm, dass Munition im Einsatz gemäß Vorschrift ein Massenverbrauchsgut wäre und daher nicht nachweispflichtig. – Irrtum. Ich wurde darauf hingewiesen, dass das jetzt anders wäre und ich zusehen solle, dass mein Hauptfeldwebel unterschreibt.
Seit diesem verdammten Tag machen wir das so. Bis dato.

Dann war da die sagenhafte Evakuierung aus Eritrea anno 98, als man sich mit Äthopien um die angeblichen Goldfunde im Yirga-Dreieck stritt. Gold wurde dort bis dato nicht gefunden. Und das Yirga-Dreieck selbst ist in seiner Ausdehnung bis heute ein Rätsel. Man fand es auf keiner Karte, was im BMVg für Unmut sorgte. Man stelle sich vor: da tobt ein Krieg um etwas, was auf keiner Karte zu finden ist.

Natürlich mussten alle deutschen Entwicklungshelfer raus. Gern auch so schnell heranzitiert, dass diese nur in T-Shirts, Shorts und Badelatschen panisch angerannt kamen.
Dann wurde ein einstündiger Waffenstillstand vereinbart, in dem die internationalen Streitkräfte ihre jeweiligen Staatsbürger retten konnten.
In dieser Zeit wurden die Luftangriffe und Luftkämpfe über Asmara eingestellt. Die äthiopischen SU-27 Bomber, von russischen Söldnern geflogen, bombten nicht mehr und die eritreischen Mig-29, von russischen Söldnern geflogen, schossen nicht mehr auf die äthiopischen Flugzeuge.


So flogen dann die Flugzeuge zur Evakuierung herein. Landeten, öffneten die Heckrampe, trieben ihre Leute ins Flugzeug und starteten wieder. Dauer ca. 10 Minuten mit Start und Landung.
Dann flog die Bundeswehr ein. Airbus der Flugbereitschaft. Sicher besser ausgestattet als die Militärmaschinen der anderen Staaten, aber halt ohne Heckrampe.
Man schaute sich nach Leiterwagen um, aber die brannten noch vom letzten Luftangriff. Aber man wusste sich Rat: die Notleitern des Airbus wurden ausgefahren und das große Klettern begann.


Praktisch mit dem Ende der  Waffenruhe hob der Airbus ab und flog nach Riad, wo das AA schon ein Fünfsternehotel für die Evakuierten angemietet hatte. Nicht unbedingt (zunächst einmal) auf Staatskosten, sondern für die individuelle Abrechnung durch die „Gäste“.


Man wunderte sich später dann, dass diese Gäste nicht immer genug Geld dabei hatten.

All das habe ich damals live erleben dürfen. Als Lagebearbeiter für diese Region Afrikas im militärischen Nachrichtenwesen eingesetzt. Den Erfahrungsbericht der Botschaft erreichte mich dann recht schnell. Ich habe damals Tränen gelacht. Ihn dann in der Frühstückspause den Kameraden vorgelesen. – Leute, hatten wir Spaß…

Aber auch nur, weil nichts passiert ist. Man mal wieder über Dummheit lachen konnte. Bürokratiewahnsinn einer Friedensarmee.



Das ist nun alles besser geworden. Man hat gelernt. Hoffentlich. Zumindest wurden Pläne bis ins kleinste Detail so vorbereitet, dass man nur noch kleinere Anpassungen einfügen muss. Sie sind so ausgelegt, dass die Passgenauigkeit auf eine recht große Bandbreite von möglichen Einsätzen gegeben ist.  Und diese Pläne wurden beübt. Immer wieder.

Es stellt sich die Frage, wie dieses Chaos vor Ort in Kabul gelöst werden kann und soll. Wo zigtausende Menschen panisch auf Rettung warten. Ähnlich den Szenen von 1975 in Saigon oder 1961 auf Cuba.

Was macht die Bundeswehr, wenn die Menge das Transportflugzeug stürmen will. Gerade zum Ende hin wenn klar wird, dass keine Flugzeuge mehr kommen werden. Dass die, die da noch stehen, die letzten sind.
Man kann sich fast sicher sein, dass hier die US-Truppen in die Pflicht gesnommen werden.

Unsere eingesetzten Crews und Fallschirmjäger werden einen schweren Job haben, sie werden ihn schaffen. Sie werden unsere Leute da rausholen. Mit absoluter Sicherheit.
Nur werden sie nicht unsere afghanischen Mitarbeiter samt Familien herausholen können. Auch das ist sicher. Nicht alle. Vereinzelte ja, aber in Summe nur sehr wenige.

Wen auch immer dann nach dem letzten ausgeflogenen Soldaten die Taliban auf dem Flughafen antreffen werden, den werden sie sich sehr genau ansehen. Denn wer immer da zu finden ist, ist nicht ihr Freund.
Man könnte sogar soweit gehen zu sagen, dass all die, die da jetzt auf Rettung warten, ihre erklärten Feinde sind, die sich selbst „geoutet“ haben.

„Wehe den Besiegten“, wussten schon die Römer zu sagen. Und diese Wehe wird nun über diese Leute kommen. Über JEDEN unserer afghanischen Mitarbeiter, die wir seit zwei Monaten mit Papieren behelligt haben. Die wir von A nach B geschickt haben. Von Pontius zu Pilatus und dann nach Kabul zum Sammelpunkt.


Das werden keine Einzelfälle sein. Von jedem Kontingent, jeder Organisation und jeder Institution, die Afghanistan Frieden und Freiheit bringen wollte.


Es war fast zwei Monate Zeit hier eine Lösung zu finden. Es war eigentlich seit Jahren Zeit darüber nachzudenken, wie wir mit unseren einheimischen Mitarbeitern vor Ort umgehen. Sobaldnicht wenn! – wir gehen!!
 
Es wurde seit Jahren gemauert, unseren Leute zu helfen. Man könnte fast als Verrat an der eigenen Sache verstehen.

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